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25 | 11 | 2017

 

Als ich noch an Gott geglaubt habe...

 

Ulrich, 32
Hallo Frank,

> warum sollte es nicht kritikwürdig sein, dass die christlichen Großkirchen (beide), damals verbrecheriche Züge hatten?

Ich finde es unfair denjenigen gegenüber, die heute für die Kirche stehen, und die allesamt nichts für das damalige Verhalten können. Das ist genauso, wie wenn man Dir als jungem Deutschen Vorwürfe wegen der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg machte.
Kritisieren kann und sollte man das gegenwärtige Verhalten der gegenwärtigen Repräsentanten.
Und da ist dann kritikwürdig, wenn die heutige Kirche nichts aus der Vergangenheit gelernt hat, wenn sie geleugnet oder verdeckt wird, wenn keine oder sehr verspätete Reue gezeigt wird. Und das ist meinem Eindruck nach durchaus teilweise der Fall.

> Für mich ist dieses Argument ein weiterer Beleg für die logische Inkonsistenz der christlichen Glaubensdogmen. Ein allmächtiger liebender Schöfergott, der zulässt das diese Verbrechen auch noch in seinem Namen begangen werden, klingt das nicht irgendwie vollkommen absurd?

Das ist eine weitere Variante des Theodizee-Problems, welches zwar eines der Hauptargumente gegen den christlichen Glauben darstellt, aber nicht unbedingt eines gegen die Kirche als Organisation. Schon heute agiert die Kirche ja fast ununterscheidbar von weltlichen Organisationen. Die Frage, ob der Glauben an sich logisch und vernünftig ist, spielt für die Handlungen der Kirche keine große Rolle und für meine Bewertung ihrer Handlungen auch nicht.

> Der heutige Umgang, vor allem der katholischen Kirche, mit dieser dunklen Vergangenheit ist aber schon geradezu gefährlich und läßt m.E. nichts gutes ahnen für den Fall, dass diese Kirchen nochmal an weltliche Macht gelangen sollten.

Ich stimme Dir insoweit zu, dass man die Kirche von zu viel weltlicher Macht fernhalten sollte. Allerdings weniger, weil ich einen Rückfall in alte Zeiten fürchte. Da habe ich in einer offenen Gesellschaft kaum Bedenken. Vielmehr, weil die Kirche und ihre veralteten Botschaften soweit von der Realität und den Menschen entfremdet sind, dass sie keinen Einfluss mehr auf das Denken, Handeln und Glauben der Mehrheit mehr haben. Die Kirche repräsentiert nur noch eine kleine, ständig schrumpfende Minderheit und hat deswegen kein Recht mehr auf weltliche Macht.

Grüße vom Ulrich


Thomas, 40
Wie die weitaus meisten Menschen fast überall auf der Welt war auch ich von frühester Kindheit an dem geistigen Mißbrauch in Form von religiöser Indoktrination ausgesetzt. Die Bemühungen von Eltern, Katecheten, Klerus und Gesellschaft fielen offenbar auf ganz besonders fruchtbaren Boden, denn als ich mich im Alter von 14 Jahren konfirmieren ließ, schien ich der einzige in meiner Gruppe zu sein, der das tatsächlich aus religiösen Gründen und nicht nur wegen der Geschenke tat. In den folgenden Jahren "verschlimmerte" sich mein Zustand, denn ich entwickelte ein bizarres Interesse am Katholizismus. Diese Entwicklung brach jäh ab, als ich gezwungen war, mich endlich meiner Homosexualität zu stellen, denn nicht für einen einzigen Moment belog ich mich damit, daß sie in Einklang mit christlichen Glaubensinhalten zu bringen sei. Zur Bußfertigkeit erzogen, suchte ich zunächst die "Schuld" bei mir selbst, doch ein glücklicher Zufall wollte es, daß ich einem Menschen begegnete, der sich die Zeit nahm, mich geistig massiv herauszufordern. Er führte mich an Lektüre heran, die mir letztlich keine andere Wahl ließ, als meine damalige Vorstellungswelt in ihrer Gänze aufzugeben, denn ich wollte mich unter keinen Umständen dem Vorwurf der intellektuellen Unredlichkeit aussetzen. Zwar wirken die Verheerungen meiner religiösen Erziehung bis heute nach, doch die in mühsamer und schmerzhafter Arbeit erworbenen Einsichten der vergangenen 20 Jahre sind ein stabiles Fundament für meine heutigen Überzeugungen (welche sich selbstverständlich noch immer und hoffentlich lebenslang in der Entwicklung befinden, wie ich zur Vorbeugung eventueller Mißverständnisse hinzufügen möchte):

 

1. Um die historische Wahrheit der Bibel ist es derart schlecht bestellt, daß man sie im Wesentlichen als eine Ansammlung antiker Kolportagen mit weithin absurdem und menschenverachtendem Inhalt bezeichnen kann. Ihr Wortlaut ist dazu geeignet, jedes beliebige Verbrechen zu rechtfertigen, und genau das ist während der vergangenen etwa 1700 Jahre denn auch in übelkeiterregendem Ausmaß geschehen. Viele "moderne" Theologen scheinen sich von dieser Tatsache peinlich berührt zu fühlen, denn sie setzen alles daran, biblische Unappetitlichkeiten entweder gänzlich unter den Tisch zu kehren oder sie so lange zu "interpretieren", bis sie der jeweils angestrebten Aussage entsprechen. Die Spätfolgen von Aufklärung und Säkularisation bereiten diesen Herrschaften zunehmende Kopfschmerzen - mögen sie ihr Kreuz geduldig tragen!

 

2. Eine populäre Meinung über das Christentum besagt, seine zentrale und besonders zu würdigende Lehre sei das Gebot der Nächstenliebe. Abgesehen davon, daß diese Ansicht auf einem extrem selektiven Umgang mit der Bibel sowie einer unkritischen Haltung gegenüber autoritären Ethik-Konzeptionen beruht, wird bei näherer Betrachtung deutlich, in welchem Zusammenhang das allgemeine Versagen der christlichen Ethik mit eben diesem Gebot steht. Es ist dem Menschen schlechterdings unmöglich, auf Befehl bestimmte Gefühle zu haben (oder auch nicht zu haben). Es dennoch von ihm zu verlangen, kommt einer Verurteilung zum permanenten Scheitern gleich. Das ist zutiefst inhuman, denn unter der göttlichen Androhung unvorstellbarer Strafen zur Verfolgung gänzlich unrealistischer Ziele verpflichtet zu sein, muß auf Dauer zu schweren psychischen Schäden führen. Eucharistie und Abendmahl sind der giftige Balsam, mit dem diese Schäden in Grenzen gehalten werden sollen, denn als Nebeneffekt erzeugen sie neuen "Mut zur Sünde" und stabilisieren so ein selbsterhaltendes System, das in seiner grausamen Effizienz wohl einzigartig ist. Im Übrigen sei darauf hingewiesen, daß es in der Ethik nicht in erster Linie um Emotionen, also um innere Zustände des Menschen geht, die sich seinem direkten Zugriff entziehen, sondern um Kontrolle und Korrektur seines Verhaltens anderen leidensfähigen Wesen gegenüber. So wünschenswert und persönlich befriedigend es auch sein mag, Gefühlsleben und moralische Motivation zur Kongruenz zu führen: selbst gegen Haß ist grundsätzlich nichts einzuwenden, sofern er sich nicht in unerwünschter Weise auf das Verhalten und die psychische Gesundheit der betroffenen Person auswirkt. Hingegen wird die Verbreitung von vermeidbarem Leid und Tod nicht weniger verwerflich dadurch, daß sie aus Liebe (zu einem Gott oder wem auch immer) geschieht.

 

3. Als eine der positivsten Eigenschaften der Religionen gilt deren Fähigkeit, die menschliche Angst vor dem Tod zu lindern. Darüber wird allerdings vergessen, daß sowohl dem Jenseits- als auch dem Reinkarnationsglauben ein fataler Mechanismus innewohnt, nämlich die Entwertung des "irdischen" Lebens durch die Leugnung seiner Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit. Die blutbesudelte Geschichte der Religionen legt beredtes Zeugnis ab von den realen Folgen solch irrealer Vorstellungen. Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft sind Leben und Geist nichts anderes als Eigenschaften, bzw. Funktionen bestimmter Organismen und können demzufolge nicht unabhängig von diesen existieren. Deshalb muß jede anderslautende Behauptung als implizit lebensfeindlich und entsprechend gefährlich zurückgewiesen werden.

 

4. Das Wesen der Religion ist die Beliebigkeit, wie an der Existenz einer enormen Vielzahl einander widersprechender Glaubensgemeinschaften deutlich erkennbar sein dürfte. Wo aber Beliebigkeit waltet, dort fehlt es an der erforderlichen Sorgfalt methodischen Vorgehens im Bemühen um die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit. Das allerdings hindert kaum einen Religiösen daran, seine Behauptungen mit einem teilweise gar absoluten Wahrheitsanspruch zu versehen. So wird der Nährboden für religiös motivierte Gewalt geschaffen, denn es kann keine wirkliche Konfliktlösung geben, wo sich inkompatible Wahrheitsansprüche ohne den Willen und die Fähigkeit zu rationaler Auseinandersetzung gegenüberstehen. Es ist nun einmal nicht feststellbar, ob "Gott" mehr Freude an Hospiz-Neubauten oder Flugzeuganschlägen auf Hochhäuser hat. Wer sich in seinem Verhalten auf den Willen eines Gottes bezieht, sollte also jegliche Kritik an Menschen unterlassen, die auf ihre Art dasselbe tun. In diesem Zusammenhang wird offenbar, daß insbesondere theistische Religionen den Ethik-Begriff förmlich pervertieren müssen, um sich überhaupt mit ihm assoziieren zu können. Gehorsam gegen den vermeintlichen Willen einer allmächtigen Gottheit einschließlich des unmittelbar daraus folgenden Rigorismus ist nicht nur das denkbar unbrauchbarste Mittel, einen Ausgleich von menschlichen Interessen und Bedürfnissen herbeizuführen, er ist definierend gekennzeichnet durch den Verzicht auf jede ethische Analyse und Bewertung. Was als religiöse Ethik bezeichnet wird, ist also tatsächlich eine Schule der Gewissenlosigkeit! Wo sie erfolgreich ist, muß jede Empathie ersticken, und selbst den schrecklichsten Greueltaten steht nichts mehr im Wege. Eingedenk dieses Umstandes und vor dem Hintergrund entwickelter naturalistischer Ethiken kann die von den Religionen verbreitete Behauptung, Religion und Ethik seien untrennbar miteinander verbunden, nur als bewußte Irreführung betrachtet werden, die vor allem dazu dient, das Leid in der Welt als ihre wichtigste Existenzgrundlage zu perpetuieren. Entgegen religiöser Auffassung ist Ethik also keine göttliche Erpressungsmaschinerie oder Unterweisung in quasi-militärischen "Tugenden", sondern eine geisteswissenschaftliche Disziplin, die auf eine möglichst fundierte und umfassende Kenntnis der Welt mit ihren Zu sammenhängen angewiesen ist, um diese überhaupt zum Wohle der Menschen und anderer leidensfähiger Wesen gestalten zu können. Den Religionen aber fehlt es bereits an den elementarsten Voraussetzungen, etwas Berücksichtigenswertes zu diesem Themenbereich beizutragen, denn ihre von Beliebigkeit und Wunschdenken geprägten Metaphysiken verunmöglichen die Entwicklung einer funktionalen Erkenntnistheorie- und praxis. Es hat nämlich noch kein Religiöser darlegen können, wie ein neues aber im Prinzip wissenschaftlich erklärbares Phänomen von einem "übernatürlichen" Ereignis, bzw. einem willkürlichen Eingriff "Gottes" zu unterscheiden sein soll.

 

5. Der unter Theisten notorische Irrtum, die Ordnung im Universum lasse auf einen Schöpfer schließen, beruht wesentlich auf einer Verwechslung von Ordnung und Design. Während das Universum als Ganzes nicht den geringsten Hinweis auf einen Schöpfer zeigt (wie könnte ein solcher Hinweis auch aussehen?), herrscht in ihm tatsächlich eine Ordnung in dem Sinne, daß Dinge sind, was sie sind und sich aufgrund ihrer Eigenschaften regelmäßig verhalten. Treten sie miteinander in Interaktion, ist davon zumeist nur ein Teil ihrer Eigenschaften betroffen, d.h. Dinge werden sich lediglich im Rahmen jener Eigenschaften verändern, welche bei der jeweiligen Interaktion eine Rolle spielen. Ein Stück Holz kann unter bestimmten Umständen zwar zu Kohle werden, nicht jedoch zu einem Erzbischof oder einem Glas Limonade. Die Gesetzmäßigkeiten des Universums folgen also unmittelbar aus den Identitäten der Dinge, die es konstituieren. Ganz offensichtlich besteht keine Notwendigkeit für eine Gottesbehauptung, und so überrascht es kaum, daß Theisten nicht imstande sind, Belege für die Existenz ihrer Götter zu erbringen (wovon sie immer wieder gern ablenken, indem sie versuchen, die Beweislast zu ihren Gunsten umzukehren). Schlimmer noch: die von ihnen formulierten Gotteskonzepte sind zumeist selbstwidersprüchlich und weder miteinander noch mit der Gesamtheit dessen vereinbar, was heute über die Welt bekannt ist. Ihren vermeintlichen Erklärungswert hat David Brooks in "The Necessity of Atheism" sehr treffend beschrieben: "To explain the unknown by the known is a logical procedure; to explain the known by the unknown is a form of theological lunacy." ("Das Unbekannte mit dem Bekannten zu erklären, ist ein logischer Vorgang; das Bekannte mit dem Unbekannten zu erklären, ist eine Form theologischen Wahnsinns."). Wie ich übrigens aus eigener Erfahrung zu berichten weiß, kann Gottesglaube tätsächlich Merkmale einer Geisteskrankheit aufweisen: die empfundene "Allgegenwart Gottes" ist eine Variante des Verfolgungswahns, und bestimmte Wahrnehmungen im Zustand religiöser Verzückung sind nichts anderes als Halluzinationen. Darüberhinaus wird die Denkfähigkeit durch Religiosität mehr oder weniger stark eingeschränkt, was wiederum eine Neigung zu allgemeiner Leichtgläubigkeit zur Folge hat. Davon profitieren beispielsweise Pseudowissenschaften und Okkultismus ebenso, wie Politiker und Demagogen jeglicher Couleur, soweit sie das geistige Phlegma der Menschen und die ontologischen Verwüstungen in deren Köpfen für ihre Zwecke zu nutzen wissen. Religiös bedingte intellektuelle Funktionsstörungen wirken sich natürlich auch im Alltag aus, wenn Menschen beten statt zu handeln, sich mit simplistischen oder gar falschen Antworten auf komplexe Fragen zufriedengeben, sich Probleme einbilden, sie nicht als solche erkennen oder sich ihrer Lösung mit dem Hinweis auf den "Willen Gottes" verweigern.

 

6. Der Theismus birgt die Saat des Totalitarismus, denn ein Gott ist nichts anderes als ein in seiner Handlungsfreiheit vollkommen uneingeschränkter Diktator (an dessen angeblicher Güte ein aufmerksames Studium der "heiligen" Schriften übrigens schwerste Zweifel aufkommen läßt). Derlei Konzepte sind mit den Idealen von Selbstbestimmung und Demokratie prinzipiell unvereinbar. Würde man auf doppelte Standards verzichten und religiöse Glaubensinhalte nach denselben Kriterien wie z.B. politische Grundsätze beurteilen, müßten sie endlich auf jene Ablehnung stoßen, die ihnen zukommt. Ohne das Recht auf freie Meinungsäußerung in Frage zu stellen, könnte dann auch ein gesellschaftlicher Diskurs darüber beginnen, ob und aus welchen Gründen ein Staat bestimmte Formen willkürlicher Behauptungen sowie fahrlässiger oder gar vorsätzlicher Falschaussagen unter besonderen Schutz stellen und deren Verbreitung auch noch finanziell fördern sollte.

Nach diesen Einlassungen dürfte es kaum verwundern, daß ich die Religionen mitsamt allen übrigen Ausprägungen des Irrationalismus nicht nur für entbehrlich, sondern für das verheerendste kulturelle Phänomen der Menschheitsgeschichte halte. Sie sind die denkbar effizientesten Katalysatoren menschlicher Dummheit und bereiten mit ihrem wirklichkeitsfremden und lebensfeindlichen Gedankengut seit Jahrtausenden den Weg für die ungeheuerlichsten Verbrechen, derer Menschen fähig sind, während sie "das Gute" zu einem Zufallsprodukt und einer Erscheinungsform tiefster Verlogenheit degradieren. Eine Welt ohne sie gliche einem Organ, aus dem ein Geschwür entfernt worden ist: es wäre möglicherweise noch immer nicht gesund, doch zumindest von dieser einen Krankheit befreit.


Frank, 33
"Dass die üblen Taten der Kirche in der Vergangenheit heute zur Kirchenkritik herangezogen werden, halte ich für teilweise legitim. Kritikwürdig ist dabei nicht, dass die Kirche damals verbrecherische Züge hatte, sondern der Umgang der heutigen offiziellen Kirche mit dieser dunklen Vergangenheit. "

Hallo Ulrich,
warum sollte es nicht kritikwürdig sein, dass die christlichen Großkirchen (beide), damals verbrecheriche Züge hatten?
Für mich ist dieses Argument ein weiterer Beleg für die logische Inkonsistenz der christlichen Glaubensdogmen. Ein allmächtiger liebender Schöfergott, der zulässt das diese Verbrechen auch noch in seinem Namen begangen werden, klingt das nicht irgendwie vollkommen absurd?
Der heutige Umgang, vor allem der katholischen Kirche, mit dieser dunklen Vergangenheit ist aber schon geradezu gefährlich und läßt m.E. nichts gutes ahnen für den Fall, dass diese Kirchen nochmal an weltliche Macht gelangen sollten.

Gruß Frank (33)


Ulrich, 32
An Michael:
Das fragst Du noch, warum sich viele über die Kirche im Allgemeinen und die katholische im Besonderen aufregen? Schau in den Spiegel! Wie Du sagtest, Deine Kirche ist kein abstraktes Ding, sondern besteht aus Menschen, unter anderem aus Dir. Du leistest Deiner Kirche einen Bärendienst, wenn Du hier Dich hier als Prototyp des bigotten intoleranten Frömmlers gebärdest! Auch Du richtest hier über andere, die Du nicht kennst, deren Leben Du nicht gelebt hast, deren Erfahrungen Du nicht gemacht hast, über die Du schlicht nichts weißt. Wer bist Du, dass Du Dir anmaßt, ein "erfüllteres" Leben zu führen als die ganzen "begriffstutzigen Blinden" hier? Schön für Dich, wenn Du Dir das einbilden kannst, aber verschone bitte Deine Umwelt mit diesem selbstgerechten Gedöns.

Zu Deinen Punkten:
Was motiviert Ungläubige, in diesem Forum zu schreiben? Heimliche Gottessehnsucht? Das ist reine Unterstellung. Erstens ist dieses Forum speziell für Ungläubige gemacht - fragt sich also eher, was Du hier verloren hast. Zweitens verwechselst Du Interesse am Phänomen Glauben mit dem Glauben selbst. Selbstverständlich ist es kein Widerspruch, dass sich ein echter Ungläubiger für Religion interessiert. Ebenso wie sich ein Parteiloser für Politik oder ein Gesetzestreuer für Kriminalistik interessieren kann. Vielleicht ist es sogar so, dass viele Ungläubige ein besonderes Interesse an Religion haben, weil sie sich im Gegensatz zu den meisten Gläubigen viel bewusster und intensiver mit diesen Dingen beschäftigen (und dadurch zu Ungläubigen geworden sind?). Das herauszufinden, dürfte auch eines der Anliegen dieses Forums sein. Vorurteile wie die Deinen bringen nicht weiter. Übrigens interessieren sich Gläubige auch für den Unglauben - dieses erfreuliche Forum ist der Beweis; nach Deiner Scheuklappen-"Logik" wäre das nicht möglich.

Wer kann behaupten, ohne Sünde gelebt zu haben? Nun, aus Deiner Sicht keiner. Aus einer ungläubigen Sicht: jeder, denn der Begriff der "Sünde" ist ein religiöses Konstrukt und bezeichnet das Entferntsein von Gott. Da Gott für Ungläubige irrelevant ist, ist auch der Sündenbegriff irrelevant. Es ist sinnlos, als Vertreter einer Weltanschauung in einer Diskussion mit Außenstehenden mit Begriffen zu argumentieren, die nur innerhalb des geschlossenen Gedankenraums dieser Weltanschauung einen Sinn haben. Nun gut, das sind zugegebenermaßen Spitzfindigkeiten. Hier ging es um die Kirche und die Verfehlungen ihrer Mitglieder. Solche Verfehlungen fallen natürlich auf die Kirche zurück, umso mehr, je bedeutender das Mitglied in der Organisation ist. Das ist bei jeder Organisation so, hat aber bei einer, die offiziell "das Gute" vertritt, eine besondere Brisanz und diskreditierende Wirkung. Dazu kommt die Unzufriedenheit vieler mit den oft starrsinnig verteidigten Strukturen und offiziellen Ansichten der Kirche, die als unzeitgemäß empfunden werden. Für mich gilt: In einer offenen Gesellschaft dürfen und müssen Kirchen kritisiert werden, genauso wie die Kirchen selbst Kritik üben. Das müssen diese Gesellschaft und diese Kirchen aushalten können. Dass die üblen Taten der Kirche in der Vergangenheit heute zur Kirchenkritik herangezogen werden, halte ich für teilweise legitim. Kritikwürdig ist dabei nicht, dass die Kirche damals verbrecherische Züge hatte, sondern der Umgang der heutigen offiziellen Kirche mit dieser dunklen Vergangenheit. Der lässt noch immer stark zu wünschen übrig.

Abschließend: es ist ziemlich absurd, von Nichtchristen zu verlangen, ein christliches Leben vorzuleben; besonders, da sich die Christen selbst nicht einig sind, was darunter zu verstehen sei...


Anonym, männlich, 17
Es ist sehr schwer für mich eine passende Kategorie zu wählen, weil ich eigendlich noch an Gott glaube, es zumindestens versuche. Als Kind habe ich noch an einen guten Gott geglaubt, aber heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob dieser gott, den es angeblich gibt, wirklich so gut bzw. gütig ist. meine Geschichte beginnt, als ich sechs Jahre alt war. In diesem Jahr ist mein Vater an Weihnachten nicht zu Hause gewesen, weil er es wohl für wichtiger hielt bei seiner Geliebten zu bleiben. Meine Mutter hat es gewusst und war mit den Nerven völlig am Ende. Als mein Vater dann heraus fand, das seine Freundin ihn nur ausnehmen wollte, ist er dann ganz schnell wieder zu uns zurück gekommen. Meine Mutter allerdings hat dies nicht verkraftet und musste erst sechs Wochen, dann ein halbes Jahr(!!!) in eine Klinik. Die Geschichte mit meinem Vater war allerdings nicht der Grund, sondern nur der Auslöser. Wie auch immer haben meine Eltern sich wieder zusammen gerauft und wollten nun eine Art `Versöhnungs-Kind`. Als ich neun Jahre alt war wurde mein kleiner Bruder dann geboren.Er ist gehörlos und hat einen noch unbekannten Gendefekt. Trotz allem hatte ich meinen Glauben an den lieben Gott noch nicht verloren, ich dachte halt es sei nicht schlimm behindert zu sein, weil man trotzdem geliebt wird und auch lieben kann. Nach diesem behinderten Baby war der Kinderwunsch meiner Eltern aber noch nicht verloren. Mein kleiner Bruder T. sollte noch ein Geschwisterchen bekommen, damit er durch abgucken besser lernen könnte, wie die Dinge im Alltag funktionieren, wie man auf die Toilette geht usw. und natürlich, damit er einen Spielkameraden hat. Am ... 96 wurde also mein kleinster Bruder C. geboren. Doch lange konnten wir uns nicht an ihm erfreuen, weil er nach 55 Tagen am plötzlichen Kindstod starb. In dieser nacht gegen halb drei wurde ich vom Lärm des Kontrollgerätes meines Bruders wach. T. hat einen Herzfehler und bekam daher ein Gerät, das den Puls und die Atmung misst. Aus Vorsorge wurde C. also auch jede nacht an ein solches Gerät angeschlossen. In dieser nacht also gab es wie viele male zuvor einen Alarm. Da die Atmung eines Säuglings sehr flach ist, kann sie oft von einem solchen Gerät nicht aufgezeichnet werden und so gab es oft Fehlalarme. Aber in dieser Nacht war alles anders. ich ging in das Zimmer meines Bruders um das schlafraubende Alarmsignal abzuschalten, vergeblich. Also legte ich mich selenruhig in mein Bett zurück und legte mich auf mein gesundes Ohr(das linke wurde mir mit sechs operiert und funktioniert nicht mehr so gut). Etwa zehn Minuten später hörte ich mein Mutter die Treppe herauf kommen. Wieder einige minuten später hörte ich lautes Getöse in unserem Haus. Ich stand auf und wollte ins Wohnzimmer gehen um zu gucken was los war. Dort log mein Bruder auf dem Bügelbrett, der Knirps von gerade mal 50cm wurde mit dem Defiprilator(richtig so?) bearbeitet. Meine Mutter schickte mich zurück in mein Bett und holte unsere Nachbarin, damit sie mich trösten konnte. Ich habe meiner Mutter nie Vorwürfe gemacht, dass sie nicht selbst gekommen ist, aber auf das Geschwafel unserer Nachbarin hätte ich gut und gerne verzichten können. Diese streng gläubige Frau sagte mir die ganze Zeit ich solle mit ihr zusammen beten, dass mein Bruder in den Himmel kommt. Was hätte ich 11jähriger auch anderes tun können, außer zu beten, aber diese Frau machte mir keine Hoffnungen mehr darauf, dass mein Bruder vielleicht weiter leben wird. Anfangs machte ich mir auch Vorwürfe ich hätte meinen Bruder auf dem Gewissen, aber eine Auswertung seines Kontrollgerätes ergab, das C. bereits um 2:03 starb, eine halbe Stunde bevor ich ihn fand.Er wurde auf die minute genau 55Tage alt. Warum ich diese Nacht so ausführlich beschreibe liegt daran, dass ich damals das letzte mal in meinem Leben gebetet habe. Ich fragte mich, warum Gott soetwas tut, warum er ein völlig unschuldiges Kind tötet. Meine Mutter versuchte mir zu erklären, dass Gott das nicht tut, sondern zulässt. Aber für mich macht das alles keinen Unterschied, anstatt Mord ist es dann nur noch unterlassene Hilfeleistung!!! Wenn ein 90 Jahre alter Mensch stirbt, ist das in Ordnung, kann es sogar eine Erlösung sein, aber mein Bruder war 8 Wochen alt! was hat er denn schon gesehen? was hat er denn schon erlebt? Nichts! Er hat einfach ein sinnloses kurzes Leben geführt. Für mich ist klar, alles was Gott(wenn es ihn gibt)unserer Familie angetan hat bzw. zugelassen hat, dass es passiert, ist nicht zu erklären, auch nicht mit einem höheren Sinn oder so etwas. Meiner meinung nach ist gott ein gnadenloser Sadist, der einfach Spaß daran hat seine schwarzen Schafe zu quälen. Aber selbst an einen solchen Gott will ich nicht mehr glauben, denn egal wer oder was er ist, ich will nicht von ihm abhängen, mich nicht von ihm beherschen oder führen lassen. ich finde meinen weg auch alleine! Manchmal mache ich mir allerdings auch selbst angst, weil ich mit meinen 17 Jahren einen starken hang zum Nihilismus habe und mich immer wieder fragen muss, ob das Leben nicht vieleicht doch einen sinn hat, denn manchmal fühlt es sich doch verdammt gut an .Eventuell noch eine kleine Anregung zum Schluss: Das einzige, was für mich den Begriff `lieber Gott` treffend beschreibt ist die Zeit. Sie ist für Jeden gleich und macht vor Niemandem halt. Sie ist unendlich und unbezwingbar!!


Michael, 38
Ich möchte mich an diejenigen wenden, die diese Seiten als Möglichkeit sehen, sich massiv über die "Kirche" zu beschweren und in teilweise niveaulose, selbstverherrlichender Weise verurteilen:
Es ist doch erstaunlich, wie vielen jemand ein "Dorn im Auge ist", der angeblich nicht existieren soll!?!
Wenn ich nicht an Gott glaube, kann "er" mich auch nicht wütend machen oder sogar verängstigen. Schon gar nicht kann mich jemand dazu bringen, auf diesen Seiten einige Zeilen zu schreiben, da mich Gott doch gar nicht interessiert - weil er für mich nicht existiert.
Wie viele Menschen sind mit Blindheit geschlagen, weil sie nicht begreifen, warum sie sich mit dem Thema "Gott" beschäftigen (wenn auch ablehnend). Dieses Thema müßte doch ein Tabu sein! Aber warum ist das nicht so? Weil Gott in euch existiert. Nur - ihr habt es nicht verstanden.
Zu den Kritikern der katholischen Kirche kann ich nur sagen: Ich bin absoluter überzeugter Katholik. Trotzdem bin ich mit manchen Dingen nicht einverstanden. So, wie ich früher mit einigen Entscheidungen meiner Eltern nicht einverstanden war und sie dennoch liebe, so ergeht es mir auch mit der Kirche. Besonders an "Anonym, Alter 33" möchte ich mich wenden, wenn ich darauf hinweisen will, daß man nicht mit Steinen werfen sollte, wenn man in einem Glashaus sitzt.
Gott ist der Allmächtige, Christus hat ohne Sünde und Fehler gelebt - so mein Glaube. Wer kann dies von sich behaupten? Niemand! Und auch die Kirche besteht aus Menschen, die Fehler begangen haben und auch begehen. Aber das will keiner wissen. Wissen Sie, ob nicht Ihr Urururururgroßvater ein Mörder war? Was würden Sie sagen, wenn wir Sie deshalb heute verurteilen würden? Und noch eines: Es gibt viele Zitate aus der Bibel, doch vergeßt bitte eines nicht! "Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet. So wie Ihr richtet, so wird auch der Vater im Himmel Euch richten!"
Statt zu kritisieren und beschimpfen zeigt doch bitte dann, wie christliches Leben gelebt werden muß und macht es als Vorbild vor!!!!

Abschließend ein Wort, an diejenigen, die die Menschen bedauern, die an Gott glauben:
Ihr glaubt, ein erfülltes Leben zu haben? Ihr tut mir leid. Ich werde für Euch beten, daß auch Ihr endlich begreift, was es heißt ein WIRKLICH erfülltes Leben zu haben!


Norbert Rohde, 80
Eifersucht ist einen Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.
Für Paulus sind "Eifersucht und Zorn Werke des Fleisches, genauso wie Mord und Unzucht" (Gal.5;20). Für GOTT Jahwe ist Eifersucht eine göttliche Tugend. Er sagt von sich selbst:"Der Herr heißt Eifersüchtiger und ist ein eifernder GOTT" (Ex.34;14).In vielen Bibeltexten erwähnt er diese, seine Tugend. So auch in Deut.13;7-11): Wenn dein Bruder....dein Sohn oder deine Tochter oder sogar deine Frau an deiner Brust....oder dein Freund, den du so lieb hast wie dein Ich,....zu dir sprechen: Lasst uns doch anderen Göttern dienen,.....so darfst du ihnen nicht gehorchen. Du darfst sie nicht schonen und ihre Schuld verheimlichen. Dem Tod sollst du sie überliefern" (Das erinnert mich an die NS- und SED-Zeit. Jahwe sei Dank für diesen GÖTTLICHEN Rat !) Jahwe lässt dann aus purer Eifersucht andersgläubige Völker vernichten....(so ein Vorläufer des Holocaust: Jahwe sei Dank !) Gottes Vernichtungs- und Hetzjagden werden in Exodus, Numeri, Deuteronomium u.a. genüßlich geschildert (JAHWE sei Dank, denn sie wurden wortgetreu jahrhundertelang - bis zur AUFKLÄRUNG - nach seinem Rat befolgt).

Folgerung 1) Der Bibelgott war nicht allwissend, auch nicht besonders intelligent. Er muß in seinem Reich irgendwelche Nebenbuhler vermutet haben, auf die sich seine Eifersucht bezog. Sein allererstes Gebot lässt das erkennen :"ICH bin der Herr, DEIN Gott. Du sollst keine anderen GÖTTER neben MIR haben !!!"

Folgerung 2) Sollte er gewußt haben, daß es außer ihm keine Nebenbuhlergötter gab, dann erhebt sich die Frage :Auf wen war er dann eifersüchtig ???

Folgerung 3) Die Gurus und Priester, die Schamenen und Rasputine, die es überall in der Welt gibt, hatten (jeder für sich) ihre eigenen Götter erfunden, weil ja Gott Jahwe sich nicht ihnen, sondern nur einer Handvoll Männer unter den 2 Millionen Juden geoffenbart hatte. Nun hätte Jahwe diese Versäumnis schnellsten nachholen müssen. Aber nein, er zog die Vertreibung und Vernichtung der Unwissenden vor.

Folgerung 4) Wer kann sie mit guten Gewissen und Wahrhaftigkeit schreiben ???
Gruß / Norbert


Volker Dittmar, 43
... tat ich das, weil mir von Gott erzählt worden war. Laut Gallup-Umfrage teilen dieses Schicksal 90% aller Kirchgänger (!) in den USA. Warum sollte man etwas glauben, was man nicht nachprüfen kann? Weil es das Leben einfacher macht - für denjenigen, der von diesem Glauben erzählt, und der damit die anderen beeinflussen kann!
Dann hatte ich meine persönliche Gotteserfahrung (auch als Alleinheitserfahrung bezeichnet, oder als Satori etc.). Eines habe ich daraus gelernt: Man kann diese Erfahrung nicht interpretieren! Wenn man es doch tut, verfälscht man sie, und wenn man diese Fälschung an Andere weitergibt - dann entsteht Religion.
Danach habe ich mir noch mehr Fragen gestellt als zuvor und bin momentan damit beschäftigt, die Antworten aufzuschreiben und nochmal zu durchdenken. Letzteres vor allem, in dem ich mit Menschen diskutiere, die glauben und denen, die nicht glauben (z. B. unter http://utes-own.forumprovider.com/ oder in einem Katholikenforum und in Mailinglisten).
Die Ergebnisse - Fragen und Antworten - kann man unter http://www.religion-glauben.de/ nachlesen. Der erste Teil - in dem es um Glauben und die Grenzen der Vernunft geht - ist fast fertig, der zweite Teil - der sich mit dem Thema beschäftigt, warum Menschen glauben - entsteht gerade.
Vor allem aber die Diskussion ist wichtig. Im Internet sind wir nie alleine mit unseren Fragen.

 

Vera, 33
Da war das Leben noch einfach. Einer wußte, was richtig und falsch war, hat das - gefragt oder ungefragt - uns Schülern und Predigthörern mehrfach in der Woche eingetrichtert. Und es hat funktioniert. Sie wie es bei den ganzen fundamentalistischen Gruppen und Grüppchen immer noch funktioniert. Leider ist das Leben komplizierter geworden. Meins auch. Und ich muss jetzt immer selber meine Antworten auf die Fragen suchen. Und ob die dann richtig oder falsch sind, muss ich auch alleine herausfinden.
Was hilft es aber, dem nachzutrauern, was war. Ich sehe nicht, dass Gott eine Rolle im Leben der Menschen spielt, wenn nicht gerade ein Unglück vom Himmel fällt: 11. September 2001 oder Fluglotsen, ICE-Katastrophen ...