Die ersten theologischen Werke entstehen

Es gibt gute Gründe anzunehmen, daß in die Kölner Zeit schließlich auch die Abfassung der ersten eigenen theologischen Werke des Thomas fällt. Dabei handelt es sich um Kommentare zur Heiligen Schrift. So hat Thomas wahrscheinlich in Köln (und nicht erst in Paris) kursorische Vorlesungen zu den Büchern der Propheten Jesaja und Jeremia sowie zu dessen Klageliedern gehalten. Erstere sind zu großen Teilen (Kapitel 34-50) als Autograph erhalten. Sie belegen die prinzipiell biblische Prägung des thomanischen Denkens und die Bedeutung, die das Wort Gottes für sein Leben und sein Denken hatte. 

Es sind seine Kommentare zu Büchern der Heiligen Schrift, die sich wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk des Thomas ziehen. Seine Antrittsvorlesung in Paris von 1256 trägt den bezeichnenden Titel "Principium biblicum". Als Predigerbruder versteht Thomas sich vor allem in der Nachfolge des ewigen, Fleisch gewordenen Wortes, an dessen Worten sich alle Rede des Verkündigers und Theologen zu orientieren hat. Dem Wort der Heiligen Schrift kommt daher eine kaum zu überschätzende Bedeutung als Quelle und Ursprung seines Denkens und Schaffens zu. Die Bibel ist die entscheidende Norm und Berufungsinstanz seiner Verkündigung und Lehre sowie der Ausformung der Theologie als Wissenschaft, wie sie sich im 13. Jahrhundert unter der Maßgabe der "Wissenschaftstheorie" des Aristoteles vollziehen sollte. 

Dementsprechend besteht für Thomas die erste und grundlegende Aufgabe des Kommentators in der Sichtbarmachung der logischen Struktur des biblischen Textes durch Gliederungen und Unterscheidungen (divisiones textus). Gerade die frühen biblischen Kommentare bestehen daher im Wesentlichen in einer solchen Strukturierung und „Durchlichtung“ der kommentierten Vorlage. Darüber hinaus sind sie vom Anliegen geleitet, mit ihren erläuternden Zusammenstellungen von Zitaten aus der Heiligen Schrift, den Text geistlich zu erschließen – und damit nicht zuletzt Material für die Predigttätigkeit der Mitbrüder zu liefern.

Wenn Thomas seine biblischen Kommentare mit dem Buch des Propheten Jesaja begonnen hat, so ist dabei die enorme Bedeutung zu berücksichtigen, die dieser erste und größte der alttestamentlichen Schriftpropheten seit den Tagen der Apostel für die christliche Verkündigung und insbesondere für das Verständnis der Person Jesu Christi hatte. Die Klarheit seiner Redeweise, die Ausdruckskraft seiner Aussagen, und die Schönheit seiner Worte heben das Buch Jesaja in besonderer Weise hervor, „so daß er nicht eine Prophetie, sondern eher ein Evangelium zu verfassen scheint“, schreibt Thomas in seinem Prolog. "Wer es liest, eilt ohne Hindernis des Zweifels auf Christus zu, liebt ihn im Glauben und bleibt beständig in der Liebe". 

Eine kleine Lobrede auf das Wort Gottes im Jesaja-Kommentar des Thomas

Der Autograph des Jesaja-Kommentars

Große Teile des theologischen Erstlingswerk des Thomas (der Kommentar zu den Kapiteln 34-50) sind im Autographen erhalten. Sie sind auf der Homepage der Vatikanischen Bibliothek einzusehen (Cod. Vat. lat. 9850 fol. 105ra-114vb).

"Siehe, die Jungfrau wird ein Kind empfangen ..." (Jes 7,14)

Jüngeres_Bibelfenster_Verkündigung

Ein besonderes Beispiel biblischer Ursprünglichkeit der Dominikaner ist das sog. "jüngere Bibelfenster" im Kölner Dom, das früher das Chorscheitelfenster in der Dominikanerkirche Heiligkreuz war und dessen inhaltliche Konzeption auf Albertus Magnus zurückgehen soll. Von unten nach oben stellt es auf seiner rechten Hälfte in elf Medallions Szenen des Lebens Jesu von der Verkündigung bis zur Wiederkunft dar. Dem typologischen Schriftverständnis des Mittelalters entsprechend sind diesen auf der rechten Seite Szenen aus dem Alten Testament als Vorbilder zugeordnet. Die Herkunft Christi aus dem Volk des Alten Bundes, dem "Weinstock Israel", illustrieren überdies zwei miteinander verschlungene Weinranken, die die einzelnen Szenen des Neuen Testaments einfassen und in die Bildmedaillons mit Brustbilder alttestamentlicher Könige eingelassen sind, die Schriftbänder mit ihren Namen halten.

Gleich das erste der neutestamentlichen Medaillons mit der Darstellung der Verkündigung der Geburt Jesu an Maria deutet auf die Weissagung des Propheten Jesaja hin, der die Empfängnis des göttlichen Kindes ankündigt, der als "Immanuel" ("Gott mit uns") zugleich Träger der siebenfältigen Gabe des Heiligen Geistes sein wird:

"Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben." (Jes 7,14)

"Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn. Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des Herrn." (Jes 11,1-3)

Zumal die Lehre von den sieben Gaben des Heiligen Geistes wird für die Ethik des Thomas von systembildender Bedeutung sein, da sie die Lehre von den sieben Kardinaltugenden ergänzt und vervollständigt: Über die tugenden hinaus bezeichnen die geistesgaen eine höhere Vollkommenheit, durch die der Mensch disponiert ist, durch göttliche Inspiration spontan zum Guten bewegt zu werden (vgl. S.th. I-II 68,1c.; ferner II-II prol.).


 

Stele mit Informationen zum Dominikanerkloster Heiligkreuz

Heute ...

... erzählt mitten im geschäftigen Leben der Kölner Innenstadt eine Informationsstele, die auf eine Initiative der Melanchthon-Akademie zurückgeht, von den epochalen geistesgeschichtlichen Leistungen der Kölner Dominikaner im Mittelalter.