Verschiedene Anekdoten sind aus der Kölner Zeit überliefert. So wird Albert eine besondere Vorhersage der zukünftigen Bedeutung seines Schülers zugeschrieben, den er in Anspielung auf dessen Spitznamen formulierte: Wohl aufgrund seiner Schweigsamkeit wie seiner Körpergröße hatten seine Mitstudenten Thomas den Beinamen „der stumme Ochse“ (bovis mutuus) gegeben (Chesterton hat dieses Wort später als Titel seiner Thomas-Biographie gewählt). Mit Blick auf seine besonderen Fähigkeiten, sich meisterhaft auszudrücken, soll Albert daraufhin das Wort geprägt haben: „Wir nennen ihn den stummen Ochsen, doch das Brüllen seiner Lehre wird in der ganzen Welt widerhallen“ (Nos vocamus istum bovem mutuum, sed ipse adhuc talem dabit in doctrina mugitum quod in toto mundo sonabit).

Die besonderen intellektuellen Begabungen des Thomas illustriert ferner die Geschichte eines Repetitors, der dem schweigsamen Thomas helfen möchte, dem Thomas aber schließlich seinerseits bei der Aneignung des Lernstoffs aus der Klemme hilft.

Student und Assistent bei Albertus Magnus

Zur Zeit seiner Ankunft in Köln hatte Thomas bereits sieben oder acht Jahre seiner Ausbildung in Neapel und Paris hinter sich. Von den obligatorischen sechs oder sieben Jahren an der Artistenfakultät hatte er zunächst vier oder fünf in Neapel (1239-1244) absolviert und das Philosophiestudium in Paris abgeschlossen (1244-1248). Parallel dazu hatte er in Paris mit dem Theologiestudium begonnen, das seinerseits fünf Jahre dauern sollte, ehe er mit dem Bakkalaureat die Erlaubnis, Theologie zu unterrichten, erlangen sollte. 

In Köln war die Rolle des Thomas mithin keineswegs die eines einfachen Studenten Alberts. Vielmehr hatte er die Position eines Assistenten, der bereits mit eigenen Lehrverpflichtungen betraut war, während er noch sein Studium zu Ende führte. Das Verhältnis beider wird man sich dabei als von brüderlicher Atmosphäre getragen vorzustellen haben.

Chorscheitelfenster aus der Dominikanerkirche Heiligkreuz (1280), heute als „jüngeres Bibelfenster“ in der Stephanuskapelle des Kölner Dom. – Detail: Das letzte Abendmahl

Legendenhaftes

In den Bereich des Legenden- und Sagenhaften weisen weitere Erzählungen, etwa jene, die davon berichtet, daß Thomas, erschreckt von einem von Albert erbauten Roboter, diesen kurzerhand zerstört habe. 

Eine weitere Legende berichtet von einem Gespräch zwischen Albert und Thomas über die größte Freude, die Christus auf Erden gehabt habe. Mit dem Hinweis Alberts auf die Einsetzung der Eucharistie am Gründonnerstag ist zugleich hingedeutet auf die besondere Wirkung, die Thomas mit seinen liturgischen Dichtungen zum Fronleichnamsfest und seiner Lehre vom Altarsakrament für den eucharistischen Glauben und die Frömmigkeit der Kirche haben sollte.

  • Die Kölner Zeit in der Historia S. Thomae Aquinatis des Wilhelm von Tocco (1323)
  • Kölner Legenden um Thomas von Aquin

 

Paul Nagel (1925-2016), Dachbekrönung auf dem Großen Saal des Maternushauses (1982-1983), Köln

Heute ...

... ziert eine große Kugel mit einer ausgesetzten Wetterfahne, die einen Ochsen darstellt, die Spitze des Saals der Kölner Maternushauses. Der Künstler Paul Nagel (1925-2016) hat sie 1983 geschaffen. Über den Dächern der Stadt Köln ist sie ist nicht nur eine signifikante Erinnerung an die Anwesenheit des "stummen Ochsen" in cer Domstadt, sondern zugleich Hinweis auf den Ort, wo sich bis heute Spuren des Thomas in Köln erhalten haben: in einer Handschrift der Kölner Dom- und Diözesanbibliothek, die ebenfalls im Maternushaus untergebracht ist.